Vom Stift zum König –
Auszubis sind heiß begehrt
 

Unternehmen balgen sich um talentierten Nachwuchs

Die demografische Wende ist angekommen. Immer mehr Betriebe bekommen Probleme, ihre freien Ausbildungsplätze adäquat zu besetzen. Dies hemmt die betriebliche Leistungskraft und beschleunigt den Fachkräftemangel. Für Unternehmen ist die Nachwuchssicherung daher eine der wichtigsten Aufgaben.

Der Wettbewerb um Auszubildende erreicht neue Dimensionen. „Es gibt Firmen, die bieten eine um zwanzig Prozent höhere Ausbildungsvergütung. Oder ein neues Laptop als Einstiegsprämie.“ René Mühlroth winkt ab. „So sind diese Probleme nicht zu lösen.“ Mühlroth arbeitet hauptberuflich als Ausbildungsberater für Unternehmen. Gleichzeitig ist er im Netzwerk-Großbeerenstraße aktiv, einem Verbund von 45 Unternehmen in Berlins zweitgrößtem Gewerbegebiet in Marienfelde. Als Leiter des Arbeitskreises Personal und Ausbildung ist er nah dran an Themen wie Fachkräfte¬schwund und Azubi-Ebbe. Personal und Ausbildung ist der umfangreichste aller sechs Arbeitskreise des Netzwerks. Es ist offensichtlich ein heißes Thema. Aus seiner Sicht gibt es immer weniger Bewerbungen und – was schwerer wiegt – immer weniger gute. Es seien vor allem fachliche und soziale Defizite. Und viele gute Schüler gingen gleich in die Dualen-Studiengänge. Doch die betriebliche duale Ausbildung habe sich bewehrt und sollte gestärkt werden. „Deutschland ist im weltweiten Wettbewerb hier spitze. Das sollten wir nicht kaputtreden.“
Ausbildungsniveau darf nicht sinken
In den Unternehmen im Netzwerk Großbeerenstraße lernen etwa 270 Auszu¬bildende. Im August könnten weitere 90 beginnen. Bislang ist noch jeder fünfte Platz unbesetzt. Das liegt voll im Trend. Einer bundesweiten Online-Umfrage der DIHK zufolge steigt die Zahl der angebotenen Ausbildungsplätze ebenso wie die Besetzungsprobleme der Betriebe. Im Schnitt blieb im Jahr 2010 jeder vierte, in den neuen Bundesländern jeder dritte Platz unbesetzt. In Summe kamen rund 55.000 Ausbildungsverträge nicht zustande. Mangelnde Ausbildungsreife der Schulabgänger gilt als Hemmnis Nummer eins. Immer mehr Unternehmen geben folglich auch schlechteren Schülern eine Chance. „Viele der Jugendlichen steigern sich im Betrieb, weil das Lernen dann einen direkten Bezug zur beruflichen Tätigkeit hat“, sagt René Mühlroth. Unternehmen seien daher gefordert, ihre Ausbildungsabläufe auch auf schwächere Schüler hin zu justieren, zum Beispiel durch eher praktisches Heranführen an Lösungen. „Klar aber ist: Das Niveau der Ausbildung darf und kann nicht sinken.“
 
Neuer Schultyp in Berlin
Aber nicht immer passt die Chemie zwischen Betrieb und lernschwachen Schülern. Gertrud Leisten ist Leiterin Material und Einkauf bei der Holmberg GmbH in Kreuzberger GSG-HOF Reichenberger Straße. Unter der Marke Holmco entwickelt und produziert das Unternehmen mit seinen 115 Mitarbeitern elektroakustische Geräte zur professionellen Sprachübertragung. Erst jüngst hat Holmberg zwei Azubis über¬nommen. Gertrud Leisten, die gleichzeitig auch Ausbildungsbevollmächtigte ist, sieht die Arbeit mit lernschwachen Schülern kritisch. „Trotz Ausbildungsbegleitender Hilfen war es uns auf Dauer zu aufwändig, ständig für Nachhilfeunterricht zu sorgen oder die Motivation wieder aufzubauen.“ Insgesamt hält sie die Aktivitäten von Kammern und der Politik zur Bekämpfung der Leerstellen für ausreichend. Die Nachvermittlungsaktivitäten und die Ausbildungsplatzbörse der IHK etwa nutzt Holmberg selbst. Nachholbedarf sieht Gertrud Leisten vor allem in den Schulen. Dort werde zu wenig ökonomisches Grundwissen vermittelt und insgesamt zu wenig auf das Erwerbsleben vorbereitet. Die Berliner Schulstrukturreform weise aus ihrer Sicht aber in die richtige Richtung. Mit dem Dualen Lernen betritt Berlin Neuland. Kernstück ist, dass seit dem Schuljahr 2010/11 für die Klassen 7 bis 10 nur noch zwei Schultypen existieren: die Integrierte Sekundarschule (ISS) und das Gymnasium. Haupt-, Real- und Gesamtschule sind abgeschafft. Inhaltlich soll das Duale Lernen Schule und Praxis stärker miteinander verbinden, um die Schüler besser auf das Erwerbsleben vorzubereiten. Ob’s wirkt, bleibt abzuwarten „Handfeste Ergebnisse sind sicher erst in einigen Jahren zu erwarten“, schätzt Gertrud Leisten.
 
Zurück zu den lernschwachen Schülern von heute. Auch wenn die Chancen mäßig begabter Schüler auf eine Lehrstelle derzeit steigen: Grundlegende Kenntnisse bleiben weiterhin gesetzt. Für Walter J. Müller, Geschäftsführer der GFAD Systemhaus AG entscheidet das Gesamtpaket. „Schulnoten sind nur ein Kriterium. Ich selbst hatte schließlich auch nicht die allerbesten. Aber wer in den technischen Bereich will, sollte ein Faible fürs Rechnen haben. Auch gutes Deutsch in Wort und Schrift sind bei uns elementar.“ Ebenso wichtig aber sei Zuverlässigkeit. „Die Fehltage in der Schule schauen wir uns schon genauer an.“ Zu den vielen Maßnahmen, um Schulabgänger und Auszubildende zusammen zu bringen, gehört auch die Kampagne Berlins Wirtschaft braucht Dich! Sie richtet sich gezielt an Schüler mit Migrationshintergrund. Deren Anteil an der Bevölkerung ist weitaus größer als in der Ausbildungsstatistik. Hier schlummern noch etliche Talente. Walter J. Müller nutzt diese Quelle von jeher. „Wir hatten schon immer eine internationale Belegschaft. Gerade erst ist ein Ausbildungsplatz zum Bürokaufmann an einen jungen Vietnamesen vergeben worden“. Zwei technische Plätze sind noch unbesetzt. Interessenten können sich gern melden (siehe „Informationen“) Eine weitere, sehr bekannte Maßnahme ist der Girls Day. Er hat das Ziel, Mädchen für technische Berufe und Studien zu begeistern. Müller hält den Ansatz für richtig, bezweifelt aber das prinzipielle Interesse. „Ich kann mich nicht daran erinnern, dass sich bei der GFAD jemals auch nur ein Mädchen für eine technische Ausbildung beworben hätte.“ Der Girls Day hat demnach noch viel Arbeit vor sich.
Netzwerke machen Unternehmen attraktiver
René Mühlroth vom Netzwerk-Großbeerenstraße ist kein Freund großer Initiativen. Viele Projekte, so etwa auch der „Berufswahl-Pass“, seien für kleine Unternehmen aus seiner Sicht nur selten geeignet. Er setzt auf die Kraft des Netzwerks. „Wir erarbeiten lieber eigene, passgenaue Lösungen, die vor Ort entsprechend wirken können.“ So kooperiert er intensiv mit der Agentur für Arbeit Tempelhof-Schöneberg, zu der das Netzwerk ein ausgezeichnetes Verhältnis hat. „Wir bringen Jobcenter und Unternehmen zusammen, um Jugendliche aus dem Übergangssystem, etwa dem Berufsvorbereitungsjahr, in reguläre Ausbildungen zu bringen.“ Das Netzwerk bietet auch spezielle Zusatzangebote für die Auszubildenden. Die fahren dann schon mal eine Woche nach London oder bekommen einen Kurs spendiert, der mit Prüfungsstress umzugehen lehrt. Wichtig für Mühlroth ist auch die enge Kooperation mit der benachbarten Gustav-Heinemann-Schule.
 
Betriebspraktika, Praxistage für Lehrer in den Betrieben, Beteiligung an Elternabenden und Sommerfesten: Die Liste der Aktivitäten ist lang. Überhaupt stehen Kooperationen mit Schulen hoch im Kurs. Dies gilt auch für das Ende 2009 gegründete Unternehmensnetzwerk Moabit. Walter J. Müller von der GFAD AG ist dort der Erste Vorsitzender. „Insbesondere die Arbeitsgruppe Bildung sucht den Dialog mit den Schulen vor Ort, vermittelt Praktikums- und Ausbildungsplätze“, so Müller. Ein Ausbildungs- und Praktikumsreader informiert Schüler über den Einstieg in 22 Berufe bei Moabiter Unternehmen.

Die demografische Wende ist angekommen – und Wirtschaft wie Politik haben die Zeichen der Zeit erkannt. Sie alle bemühen sich sichtbar darum, jedem halbwegs geeigneten und willigen Jugendlichen eine Chance zu geben – oft auch mehrere. Dies nicht nur aus gesellschaftlicher Verantwortung heraus, sondern auch aus Eigeninteresse. „Heutzutage“, so René Mühlroth, „würden viele Betriebe die Übernahme nach der Ausbildung am liebsten vertraglich absichern lassen. Aber das ist rechtlich nicht möglich.“ Noch vor wenigen Jahren hätten die meisten Azubis viel dafür gegeben, über¬nommen zu werden. Die Situation habe sich fundamental gewandelt. Mit anderen Worten: Selten war berufliche Zukunft so leicht wie für die Jugend von heute. Und: Unternehmen müssen sich mehr strecken denn je.

(Andreas Müller-Seedorff)
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Informationen

Netzwerk Großbeerenstraße
Das Netzwerk Großbeerenstraße hat noch rund 20 freie Ausbildungsplätze. Interessierte Schüler können ihre Ausbildungswünsche per Mail senden an info@netzwerk-grossbeerenstrasse.de

GFAD Systemhaus AG
Die GFAD Systemhaus AG bietet noch je einen Ausbildungsplatz Systemkaufmann/frau und Fachinformatiker (m/w) für Systemintegration. Nähere Infos und Bewerbungen hinter diesem Link.